Pressemitteilungen zum Fluglärm

Pressemitteilung der EKHN

„Hohe körperliche und psychische Belastung“

EKHN-Synode will Thema Fluglärm weiter intensiv beraten
Kirchenpräsident für Lärmobergrenzen und -sachverständigenrat

Frankfurt am Main, 23.11.2012: Die in Frankfurt tagende Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) will Anträge der Dekanatssynode Mainz und eine Bitte der Kirchengemeinde Flörsheim am Main zum Fluglärm in der Rhein-Main-Region in ihren Ausschüssen weiterbehandeln. Die Mainzer Dekanatssynodalen hatten beschlossen, die Frage, ob der Fluglärm das Grundrecht auf freie Religionsausübung (Artikel 4 des Grundgesetzes) verletze, weiterzuverfolgen und dafür einen Beirat der EKHN zu schaffen.

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung hatte die Forderung nach einem absoluten Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen in der Zeit von 22 bis 6 Uhr bekräftigt und gefordert, dass der „Anti-Lärmpakt“ schneller umgesetzt wird. Für viele Menschen sei der Fluglärm nicht nur eine Einschränkung der Lebensqualität, sondern eine hohe körperliche und psychische Belastung. „Mit der Eröffnung der Nordwestbahn und der Zunahme der Flüge sind Zustände eingetreten, die für viele Menschen in der Flughafenregion unhaltbar sind“, sagte Jung. Die Proteste hätten „Bewegung in die Sache“ gebracht, sagte der Kirchenpräsident vor der Synode, die sich durch zahlreiche Wortbeiträge mit dem Problem auseinandersetzte. Auf der Besucherempore hatten Fluglärmgegner aus Flörsheim und dem Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen Protestplakate mit der Aufschrift „Fluglärm macht krank“ gezeigt. Pfarrer Volkhard Guth, Synodaler aus Rüsselsheim, hatte festgestellt: „Es gibt die Stille nicht.“

Ein von der Kirchenleitung der EKHN in Auftrag gegebenes Gutachten des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hatte festgestellt, dass der Fluglärm die Religionsfreiheit nicht grundsätzlich eingeschränkt habe. Dieser Artikel des Grundgesetzes beziehe sich nur auf eine gezielte Störung religiöser Handlungen, erklärte Jung. Deshalb habe sich die Kirchenleitung dafür ausgesprochen, diesen juristischen Weg nicht weiter zu verfolgen. Der Kirchenpräsident schlug stattdessen vor, einen Lärmsachverständigenrat einzuberufen, Lärmobergrenzen festzulegen und sozial- und wirtschaftsethische Fragen aufzuwerfen. Dazu gehöre das Nachdenken über Wachstum, Mobilität und den eigenen Lebensstil. Die Kirchenleitung prüfe zudem, für betroffene Kirchengemeinden eine Projektstelle einzurichten, die Aktivitäten in Gemeinden und Dekanaten begleiteten und koordinieren soll. Auch das so genannte Flughafengespräch der EKHN soll intensiviert werden, bei dem sich Vertreter von Gemeinden im Einzugsbereich des Flughafens seit über zehn Jahren auf Initiative der Kirchenleitung regelmäßig treffen.

Frankfurt, 23. November 2012

gez. Stephan Krebs, Pressesprecher EKHN

 

 

E-Mail von Dietrich Elsner an die Presse, das Kirchenrechtliche Institut und an die EKD vom 08.10.2012

Stellungnahme zum Gutachten des Kirchenrechtlichen Instituts

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, die anliegende Pressmeldung des Arbeitskreises (Anlage 1) für ungestörte Religionsausübung an Sie weiter zu leiten.

Unabhängig von der relativ moderaten aber inhaltlich Ziel führenden Aussagen in der Pressemeldung des Arbeitskreises zu dem Gutachten, muss ich feststellen, dass die Rechtsexperten vom Kirchenrechtlichen Institut der evangelischen Kirche in Deutschland, das gesamte Handeln des Staates als von jedermann hinzunehmendem Lebensrisikos betrachtet. Das ist ebenso unbegreiflich, wie die frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin Roth jedem Bürger empfiehlt das demokratische Recht zu nutzen aus der Region weg zu ziehen.

Welch verbogenes Rechtsverständnis hat sich in unserem Staate inzwischen durchgesetzt? Der Ausbau des Frankfurter Flughafens ist in keiner Weise ein "allgemein hinzunehmendes Lebensrisiko", sondern ein auf der Basis manipulierter Gesetzgebung (z.B. Infrastruktur Beschleunigungsgesetz, mit dem die Rechte der Bürger weiter ausgehöhlt wurden) und willkürlicher Verwaltungsentscheidungen für die Gewinnmaximierung eines privatwirtschaftlich geführten Unternehmens, dass zudem in überwiegendem Maße im Eigentum des Landes ist.

Diese Ausbauentscheidung erfüllt nicht den Reisebedarf der Region, was man ggf. noch als "hinzunehmendes Lebensrisiko" sehen könnte, sondern wird überwiegend genutzt, um den Verkehr zwischen den Kontinenten über diesen Innenstadtflughafen zu leiten. Der einzige Grund dafür ist der Gewinnzuwachs der Flughafengesellschaft. Alle mit dem Lärm und den Schadstoffen zusammenhängenden Lasten werden den Menschen und Institutionen der Region aufgebürdet. Die wenigsten belasteten Menschen haben die Einrichtung dieses Flughafens jemals genutzt.

Ja, wer es sich leisten kann, folgt dem Aufforderung von Frau Roth. Was aber ist mit den Menschen, die ihre in z.T. in tausenden von Jahren angestammte Heimat nicht verlassen können oder wollen? Was ist mit der ungestörten Religionsausübung, die uns durch die Väter des Grundgesetzes wohlweislich garantiert ist?

Was ist mit Ruhe und Stille, die zur inneren Besinnung und Einkehr, zur Erholung für Körper und Geist notwendig ist. Was wollen wir alles in das "hinzunehmende Lebensrisiko" hinein definieren? Wie weit werden wir da gehen? Gilt dieses "hinzunehmende Lebensrisiko" nur für die, es sich nicht leisten können, sich diesem Risiko zu entziehen? Nein, unser Recht ist ein allgemeines Recht und hat allgemein angewendet zu werden, vom Staat, von jeder Institution, jedem Unternehmen, genau so wie von jedem einzelnen Menschen, unabhängig von Stand und Einkommen.

Ja, die freie Religionsausübung ist gestört, wenn die Predigt des Pfarrers nicht mehr verstanden wird, wenn der Redefluss unterbrochen werden muss, wenn die Trauergemeinde auf dem Friedhof oder die Besucher ihre Köpfeeinziehen, weil in wenigen Metern Höhe ein Riesenflug- zeug über sie hinweg donnert. Die Religionsausübung ist ebenso gestört wie das Lebensrecht aller Menschen der Region, die unter Fluglärm leiden. (...)

Die in dem Gutachten angeführten Luftverkehrsgesetze schützen nicht die Menschen, sondern im überwiegenden Maße die Luftverkehrskonzerne in ihrem Wachstumswahn, auf Kosten des Lebensraumes und der Umwelt. Oder will die ev. Kirche wirklich die Einmauerung der Menschen als Schutz bezeichnen. Leben ist Kommunikation, Leben ist der Umgang mit anderen Menschen, ja Leben ist auch hören, aber eben nicht den Lärm der Flugzeuge 16 Stunden und mehr am Tag, sondern z.B. das Rauschen der Blätter, das Singen der Vögel, das Lachen der Kinder.

Ich empfehle den Kirchen dringend, unabhängig von der Prozess-rechtlichen Situation im Umfeld des Frankfurter Flughafens, auf der Basis der Beschlüsse der EKHN-Synode, zusammen mit allen Fraktionen des Landtages (RLP), den Kommunen und Initiativen die Grundrechte einzufordern. Aufgabe des vorgeschlagenen Beirates ist es den Rechtsanspruch der Kirchen, der sich aus Artikel 4 Absatz 1 und 2 GG ergibt, zu formulieren und durchzusetzen.

Weitere Informationen unter www.evkirche-marienborn.de.

Mit freundlichen Grüßen
Dietrich Elsner
Koordinator der Initiativen Fluglärm in Mainz und Rheinhessen


„Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“

Pressemitteilung anlässlich der gutachterlichen Stellungnahme von Univ. Prof. Dr. Hans Michael Heinig, Kirchenrechtliches Institut der EKD, Göttingen zur „Verletzung der Religionsausübungsfreiheit durch Fluglärm“

Arbeitskreis für „das Grundrecht auf ungestörte Religionsausübung nach Art. 4 Absatz 1 und 2 GG“ in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, verantwortlich für diese Stellungnahme Pfarrer Martin Hanauer, Evangelische Kirchengemeinde Flörsheim und Pfarrer Harald Jaensch, Evangelische Kirchengemeinde Mainz-Marienborn.

Mainz/Flörsheim, 05.10.2012: Die grundsätzliche Bestätigung des Institutes, dass Fluglärm das Grundrecht auf ungestörte Religionsausübung stören kann, wird von den beiden Pfarrern als allererster Schritt in die richtige Richtung begrüßt.

Enttäuschend ist jedoch, so die Pfarrer, dass sich die Kirchenleitung der EKHN durch den Rat des Gutachters bewegen ließ, vorerst von einem Klageweg abzusehen (siehe PM der Kirchenleitung vom 4.10.2012 sowie Homepage der EKHN zu diesem Thema). Dazu geben die beiden Vertreter des Arbeitskreises (s.o.) zu bedenken:

Es ging und geht uns erst nachrangig um die theoretische Frage, „ob Kirche klagen sollte oder nicht“, sondern vordergründig um die konkrete Frage: Wie massiv ist die Verletzung des vom Grundgesetz geschützten Rechts auf ungestörte Religionsausübung durch die Intensivierung des Flugverkehrs am Frankfurter Flughafen und wann bekommen unsere Kirchengemeinden endlich Rechtsmittel an die Hand, uns und unsere verletzte Würde selber zu verteidigen?

Um das Grundrecht auf ungestörte Religionsausübung, auf das sich „Kirche“ oder praktizierende Gläubige so gut wie noch nie zum Schutz ihrer Religionsausübung berufen haben, „anwendbar zu machen“, bedarf es eines Arbeitsaufwandes, den Kirchengemeinden nur mit Hilfe der Kirchenleitung und kirchlicher Institute, wie z.B. des kirchenrechtlichen Instituts in Göttingen, lösen können. Der Arbeitskreis zum Schutz des Art. 4 Absatz 1 und 2 GG hat hier nach wie vor große Hoffnungen, dass in einer gemeinsamen Anstrengung aller Beteiligten sämtliche theologischen, ethischen und kirchenrechtlichen Fragen zu diesem Thema bearbeitet werden. Die vorgelegte kirchenrechtliche Betrachtung kann hier nur ein Teil der Facette sein, symbolisch dargestellt im Logo des Facettenkreuzes der EKHN.

Kritische Beleuchtung der inneren Logik des Gutachtens:

Um einen Klageweg erfolgreich zu beschreiten, so das Gutachten, wäre eine höhere „Intensität“ an Störung erforderlich. Allerdings erspart sich der Autor die entscheidende Mühe, überhaupt eine Definition zu versuchen, wo denn die Grenzen für die theoretisch bejahte Möglichkeit der Störung verlaufen könnten.

Das Gutachten folgt der Logik: Es kann nicht sein, was nicht sein darf: Wenn die Planung des Flughafens im Planfeststellungsbeschluss besiegelt ist, sind sogar massive Belastungen als hinzunehmender Kollateralschaden zu betrachten. Das gilt offenbar auch für Szenerien ständiger Menschenrechtsverletzungen wie in Flörsheim, wo Wirbelschleppen landender Flugzeuge Ziegel von Dächern reißen und auf dem Friedhof trauernde Menschen in Angst und Schrecken versetzen.

Was der Gutachter leider unbeachtet lässt, das wäre in unseren Augen die Haupt- aufgabe, nämlich die Benennung, Beschreibung und die kontextuelle Einordnung von Schutzgütern, um die es im Art. 4 Absatz 1 und 2 GG geht:

- All die Fragen um den Schutz und das Recht auf Ruhe und Stille und das Recht auf innere Einkehr;

- Fragen rund um den Friedhof als Ort der Stille, die die klagenden Kommunen für uns Christen freundlicherweise einklagen. An dieser Stelle werden wir als Christen und als Kirche von den kommunalen Partnern gefragt und bleiben immer wieder wertvollste Antworten schuldig, wenn es z.B. um den Wert und die theologische Bedeutung von Stille geht.

- Gottesdienste anlässlich von Trauerfeiern und Beerdigungen in der Flörsheimer Friedhofskapelle und auf dem Friedhof werden bis auf ihre substantiellen rechtlichen Kernelemente derart massiv gestört und beeinträchtigt, dass den beteiligten Menschen und den handelnden Geistlichen angst und bange wird. Der dröhnende Lärm landender Flugzeuge, die in geringer Höhe den Friedhof direkt überfliegen, stört die Besinnung auf die tröstende Botschaft der Bibel und des christlichen Glaubens, stört Gebete und Aussegnung als wesentliche Bestandteile religiöser Bewältigung von Trauer und Abschiednehmen anlässlich des Todes eines Mitmenschen. Auftretende Wirbelschleppen verursacht durch überfliegende Flugzeuge bedrohen Leib und Leben der Trauernden beim Besuch der Gräber. Wirksame Schutzmaßnahmen sind hier weder planerisch angedacht noch in der Realität möglich. Einzig die Untersagung des Landeverkehrs in Zeiten, in denen sich während der Öffnungszeiten des Friedhofs Menschen dort aufhalten dürfen, bewirkt einen nachhaltigen Schutz der Menschen und der ungestörten Religionsausübung.

Arbeit, die auf uns wartet:

Was wir im Gutachten lesen - vor allem das was wir im Gutachten erwarten und nirgendwo finden - zeigt nur wie groß der Berg an Arbeit ist, der noch vor uns liegt:

Denn das bisher kaum benutzte Grundrecht Art. 4 Absatz 1 und 2 GG kann erst dann in Gebrauch genommen werden, wenn wir uns als Kirche die Mühe gemacht haben - glaubhaft und für Richter nachvollziehbar - die Werte der Religion und ihrer Ausübung zu beschreiben die wir geschützt haben wollen.

Deshalb suchen wir als Vertreter höchst betroffener Gemeinden mit Unterstützung unserer Kirchenleitung kompetente Fachleute, die uns helfen, alle in rechtlicher und religiöser Tradition nachweisbaren schützenswerten Güter zu beschreiben.

Hier erwarten wir wirkliche Hilfe und echten Beistand, indem die Wirksamkeit eines Rechtes gefördert wird, das im biblischen Sinne Gerechtigkeit schafft, statt ein Recht zu verteidigen, das momentan in unseren Gemeinden Unrecht bewirkt, weil es Menschen krankmachendem Fluglärm ausliefert und die Religionsaus- übung massiv stört.

Dieses neue Gutachten sollte herausarbeiten:

Die ganze Palette von Schutzgütern, wie

- das Recht auf innere Einkehr und Stille,

- die Frage, wie und wodurch ein Gottesdienst, eine Beerdigung etc. substantiell gestört werden kann,

- ob es eine zumutbare Störung ist, oder - und ab wann genau - eine gravierende Störung durch Fluglärm oder anderen Lärm vorliegt,

- weitere theologische und ethische Fragen, nach deren Beantwortung man vergeblich im Gutachten von Prof. Dr. Heinig sucht.

Geforderte Konsequenzen: Ein Beirat

Wir bitten unsere Kirchenleitung, im Sinne der Synodenbeschlüsse, weiterhin „alles zu tun...“ um Kirchengemeinden das Grundrecht zur Verteidigung ihrer ungestörten Religionsausübung an die Hand zu geben.

Um die Aufgabe der Nutzbarmachung zu erfüllen, bitten wir - wie bereits in früheren Stellungnahmen beschrieben, - so schnell wie möglich einen Beirat einzurichten, der zusammen mit Beauftragten der Kirchenleitung ein Konzept entwickelt, wie das Grundrecht Art. 4 Absatz 1 und 2 GG nutzbar gemacht und geschützt werden kann.

Diesem Beirat sollten angehören:

- ein bis zwei Sachverständige (Pfarrer mit Erfahrungen von Störungen bei Trauerfeiern durch Fluglärm)

- ein Verfassungsrechtler (weil es um die Erweiterung des bisher bekannten Verfassungsrechts geht)

- und aus mehrfachem Grund: Dr. Martin Schröder, Promovierter RA, Spezialist im Umwelt- und Planungsrecht. Mitglied im Umweltrechtsausschuss des deutschen Anwaltvereins. Dr. Schröder vertritt seit 11 Jahren die Städte Flörsheim, Hattersheim, Hochheim und Mainz in allen Verfahren um Fragen des Fluglärms und des Flughafen- ausbaus.

Aufgabenstellung des Beirats:

- Der Beirat sollte ein Bestandteil eines größeren zu erarbeitenden Konzeptes sein, in dem die bisherige Kernarbeitsgruppe in stärkerer Weise mit den Beauftragten der Dekanate und unter den Einflugschneisen lebenden und arbeitenden engagierten Personen zusammenarbeitet.

Fazit:

Oberste Priorität hat bei allen zukünftigen Schritten und Maßnahmen kirchlicher Instanzen und Gremien innerhalb der EKHN die Umsetzung aller Beschlüsse der EKHN-Synode unter der Überschrift: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit.“ Diese Beschlüsse sind Auftrag bzw. Leitfaden sowohl für die Kirchenleitung, den Beirat zur Umsetzung von Art. 4 Absatz 1 und 2 GG, die Kernarbeitsgruppe als auch für das Flughafengespräch mit Einbeziehung der Dekanate.

 

Pressemitteilung der EKHN

Gutachten: Kirchliches Leben trotz Lärmbelastung möglich

Der Lärmschutz für die Bevölkerung bleibt auf der Tagesordnung. Quelle: pixelio / michael hirschka
Der Lärmschutz für die Bevölkerung bleibt auf der Tagesordnung. Quelle: pixelio / michael hirschka

04.10.2012 (EKHN): EKHN verzichtet auf Klage gegen Flughafen / Kirchenleitung will sich für den Schutz der Bevölkerung einsetzen

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) wird vorerst auf eine Klage gegen die Lärmbelastung durch den Frankfurter Flughafen verzichten. In der Einflugschneise werden Gottesdienste und Beerdigungen immer wieder durch tief fliegende Flugzeuge gestört. Ein juristisches Gutachten kommt nun zu dem Schluss, dass der Lärm zwar Gottesdienste und Beerdigungen erschwere, nicht aber das Recht auf freie Religionsausübung einschränke.

Thema "Fluglärm" bleibt auf der Tagesordnung

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung erklärte dazu wörtlich „Die Kirchenleitung hat großes Verständnis für die Kirchengemeinden und die Menschen, die vom Fluglärm betroffen sind. Wir sehen jedoch gegenwärtig keine erfolgversprechende Möglichkeit, mit dem Argument des Eingriffs in die Religionsfreiheit juristische Maßnahmen gegen die Lärmbelastung zu ergreifen. Ungeachtet dessen bleibt das Thema Fluglärm ganz oben auf der Tagesordnung. Wir werden weiter beim Flughafenbetreiber und bei den politisch Verantwortlichen darauf dringen, dass Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung geprüft und vor allem schnell umgesetzt werden.“

Gutachten des Kirchenrechtlichen Instituts

Kirchenrechtliches Institut der EKD: Gutachterliche Stellungnahme zur Themenstellung: "Verletzung der Religionsausübungsfreiheit durch Fluglärm" (PDF)

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Das von der Kirchenleitung beauftragte Gutachten des Göttinger Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland war im Frühjahr auf Anregung betroffener Kirchengemeinden und der Kirchensynode in Auftrag gegeben worden. Auf 13 Seiten prüft es, ob der vom Frankfurter Flughafen ausgehende Lärm Kirchen- gemeinden in ihrer Religionsausübungsfreiheit verletzt und ob ein Rechtsweg denkbar ist, um dies gerichtlich zu überprüfen.

Grundrechte sind keine "Rundumfreiheiten"

Die gutachterliche Stellungnahme vom 10. September kommt zu dem Ergebnis, dass das Grundrecht auf Religionsfreiheit keinen absoluten Schutz vor Beeinträchtigungen „jeglicher Art“ biete. Sein Sinn sei es, staatliches Handeln zu verhindern, das gezielt Religionsausübung verbiete oder sanktioniere. Grundrechte seien zwar absolute Rechte, böten aber keine „Rundumfreiheiten“. So sei kirchliches Leben im Einzugs- bereich des Flughafens weiterhin trotz Fluglärm möglich. Das Gutachten rät deshalb davon ab, auf Grundlage von Artikel 4 des Grundgesetzes, der die Religionsfreiheit sichert, rechtliche Schritte gegen den Flughafen einzuleiten. Auch Anfechtungsklagen gegen bestehende Entscheidungen wie die Planfestestellung zum Ausbau seien nicht Ziel führend. Hier seien bereits Einspruchsfristen abgelaufen.

Das Gutachten ist besonders betroffenen Gemeinden und Dekanate zugesandt worden und im Internet auf hier (PDF) einsehbar.


„Fluglärm ist größtenteils Kopfsache“: Der neueste Beitrag von Fraport-Chef zum Lärmschutz

Als Mediziner staunt man nicht schlecht, liest man die aktuellsten Lärmschutzempfehlungen vom Fraport Chef (AZ vom 7.9.12): 60-70% des Fluglärms seien psychische Wahrnehmung und nur 30 bis 40% das objektiv messbare. Viel Spiel- raum also für Lärmschutz durch Gewöhnung, was Schulte bei allem Verständnis für die Mainzer, die sich noch nicht daran gewöhnt hätten, nahelegt.

Man staunt nur über die medizinische Unkenntnis der Behauptungen oder ist es reine Taktik oder Zynismus?

Fluglärm lässt sich physikalisch nicht ausreichend beschreiben, kein Mainzer wird durch überfliegende Flugzeuge taub werden. Aber: Lärm bezeichnet eben die Störung, Verärgerung oder Belästigung durch Schallexposition. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt daher aus gutem Grund, Lärmbelästigung als wesentlichen Indikator für die Gesundheitswirkung von Lärm zu erfassen.

Dies ist nicht durch physikalische Schallgrößen zu erfassen, die bekannter Weise bei uns über so unterschiedliche Tage hinweg gemittelt werden, bis eben scheinbar erträgliche durchschnittliche Lautheit zustande kommt. Vielmehr gehen so unterschiedliche Faktoren ein wie Frequenz der Geräusche, Häufigkeit, Lautheit von Einzelereignissen, aber eben auch Biorhythmus, Lebensalter, körperliche Krankheit oder individuelle Lärmempfindlichkeit. Nicht der Schall macht krank, sondern die Lärmbelästigung.

Die vorliegenden wissenschaftlichen Studien widersprechen der Behauptung der Lärmgewöhnung. Nächtlicher Fluglärm führt beispielsweise auch zwischen 22 und 23 Uhr und zwischen 5 und 6 Uhr zu Schlafstörungen und zu nächtlichen Blutdrucker- höhungen. Selbst wenn die Betroffenen nicht erwachen, kommt es zu Mikroaktivierungen des vegetativen Nervensystems durch einzelne überfliegende Flugzeuge, die letztlich zu der Blutdrucksteigerung durch nächtlichen Fluglärm wesentlich beitragen und damit erhöhten Herz-Kreislaufrisiken in der Bevölkerung.

„Psychische Wahrnehmung“ wurde auch in der Medizin lange dem scheinbar „objektiv messbaren“ gegenübergestellt. Hier haben wir zum Glück dazugelernt: Natürlich ist auch Fluglärmbelästigung objektiv messbar und nicht nur Lautheit. In der Onkologie ist bspw. Hauptkriterium der Behandlung eine möglichst gute Lebensqualität zu erreichen, und dafür ist die Einschätzung des Kranken der Maßstab. Diese „psychische Wahrnehmung“ würde kein Onkologe in Deutschland als „Kopfsache“ abtun. Es würde Fraport gut anstehen, nicht die gesundheitliche Gefährdung und die Beeinträchtigung der Lebensqualität durch Fluglärm herunterzuspielen, sondern den Dialog mit der Bevölkerung und den Medizinern zu suchen, um ein lebenswertes und gesundes Leben in der gesamten Region zu sichern.


Prof. Manfred E. Beutel

Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
UNIVERSITÄTSMEDIZIN der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Untere Zahlbacher Str. 8
55131 Mainz

 

 

Beschluss der EKHN zum Thema "Lärmbelästigung durch Flugverkehr" vom April 2012 (PDF)